
30 Jahre später kamen Forschende in den Niederlanden, Spanien und Großbritannien zu ähnlichen Ergebnissen. Sie hatten das Leseverständnis von mehr als 2800 neun- bis zehnjährigen Kindern untersucht, die in der Nähe von einem großen Flughafen zur Schule gingen. Aus Messungen und Lärmkarten schlossen sie: Je mehr Fluglärm, desto schlechter das Leseverständnis der Kinder – auch wenn die Klassenzimmer gedämmt waren.
Fazit der Europäischen Umweltagentur 2024: Mehr als eine halbe Million Kinder in Deutschland lernen schlecht lesen, weil sie in Gegenden wohnen oder zur Schule gehen, die von Verkehrslärm betroffen sind. Und die Lesekompetenzen sind nicht das einzige, was unter Verkehrslärm leidet, wie eine Feldstudie an 38 Schulen in Barcelona zeigte.
Dort absolvierten rund 2700 Kinder zwischen sieben und zehn Jahren im Verlauf eines Jahres wiederholt kognitive Tests. Ergebnis: Die kognitive Entwicklung verlief bei hohem Lärmpegel langsamer, besonders bei vielen Lärmspitzen zum Beispiel durch hupende Fahrzeuge. Bei den betroffenen Kindern hatte sich die Aufmerksamkeitsspanne um fünf Prozent und das Arbeitsgedächtnis um rund zehn bis zwanzig Prozent langsamer entwickelt – bei schwierigen Aufgaben noch mehr als bei einfachen.
Dass insbesondere komplexe Funktionen unter dem Lärm leiden, belegte auch eine Feldstudie an 24 Schulen im Umkreis des Amsterdamer Flughafens. Bei anhaltender Lärmbelastung machten die Kinder in Aufmerksamkeitstests vor allem dann mehr Fehler, wenn die Aufgaben schwierig waren.
»Kinder brauchen eine ruhige Umgebung, damit sie sich gesund entwickeln können«, sagt Ralf Buchstaller vom Medizinisch-Psychologischen Institut des TÜV NORD in Hamburg. Wie der promovierte Psychologe erklärt, stört Dauerlärm nicht nur die Konzentration und damit das Lernen. Er könne auch Stress verursachen und der Gesundheit schaden. Unter anderem steigt das Risiko für Schlafstörungen, mit Folgen für den Körper und für die Psyche. Überdies bedeutet Verkehrslärm meist auch schlechte Luft, bedingt durch Abgase und Abrieb von Fahrzeugen. Unter den gesundheitsschädlichen Umweltfaktoren in Mitteleuropa steht Feinstaub auf Rang eins, Lärm auf Rang zwei.
Eine gute Nachricht gibt es jedoch: Die Folgen scheinen zumindest teilweise reversibel zu sein. Als Anfang der 1990er Jahre der alte Münchner Flughafen geschlossen und der neue Standort eröffnet wurde, untersuchten Forschende acht- bis zwölfjährige Kinder an den umliegenden Schulen vor und nach dem Umzug. Verglichen mit Kontrollgruppen, die durchweg keinem Fluglärm ausgesetzt waren, sanken im Verlauf von ein bis zwei Jahren nach dem Umzug die Lesefähigkeiten und das Langzeitgedächtnis der Kinder am neuen Standort – und umgekehrt besserten sich die Testergebnisse am alten Standort.
»Lärmschutz lohnt sich«, fasst Ralf Buchstaller von TÜV NORD zusammen. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, dass der Lärmpegel im Unterricht 35 Dezibel – die so genannte Zimmerlautstärke – nicht überschreiten sollte. »In Deutschland gibt es aber keine verbindlichen Grenzwerte für Verkehrslärm im Klassenzimmer«, sagt der promovierte Psychologe.
Die europäische Umweltagentur rät Schulen in verkehrsnahen Lagen zu Fenstern mit guter Schallisolierung. Noch besser wäre es allerdings, auch mit Blick auf die Luftqualität, den Verkehr umzuleiten und verkehrsberuhigte grüne Zonen zu schaffen, mit Bäumen als natürlichen Lärmschutz. Andere europäische Städte machen es vor, darunter Barcelona: Die Stadt hat begonnen, autofreie »Superblocks« einzurichten – das heißt kleine Stadtviertel mit weitgehend autofreien Straßen. In diesen Gebieten sollen langfristig viele Schulen angesiedelt werden. Ein Pilotprojekt zeigte bereits, dass in den ersten Superblocks die Belastung mit Lärm und Feinstaub abgenommen hat.
Ein idealer Standort für Schulen, findet auch Ralf Buchstaller von TÜV NORD. Schulen umzusiedeln wäre zwar nicht leicht. Aber umgekehrt könnten autofreie Zonen gezielt um Schulen herum entstehen, schlägt der Psychologe vor. Das hätte viele Vorteile: »Der Schulweg würde sicherer, die Luft besser. Und wenn die Elterntaxis in größerer Entfernung halten müssten, hätten die Kinder auch noch ein bisschen Bewegung.
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